Die Welt wurde abgeschaltet. Unser Alltag, wie wir ihn bis dato kannten und lebten, einfach abgeschafft. Seit Wochen befinden wir uns alle in einer skurrilen Situation. Und ich frage mich immer mal wieder – was macht das mit uns? Wie geht es weiter? Beginnt jetzt gerade eine neue Zeitrechnung?

Die Wissenschaft: Sie ist jetzt unser Ratgeber. Virologen, Epidemiologen, Wissenschaftler – sie sind die Rockstars der Nation. Mir war nicht bewusst, dass in beinahe jedem Krankenhaus ein Virologe arbeitet. Mittlerweile habe ich das Gefühl, mit dem ein oder anderen Virologen schon per Du zu sein. Werden wir zukünftig der Wissenschaft mehr Achtung schenken? Mehr auf sie hören? Ihr mehr glauben?
Systemrelevante Berufe: A propos mehr Achtung! Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte, Feuerwehrmänner, Müllmänner, Rettungsdienste, Polizisten, Kassiererinnen, Landwirte, Journalisten, Radiomoderatoren, Telekommunikation, Kreditinstitute, der Brummifahrer, der Toilettenpapier durch’s Land fährt, Gas, Wasser, Scheiße,… Menschen, die gerade weitermachen (müssen), damit unser Alltag nicht zusammenbricht. Menschen, die nicht zu Hause bleiben dürfen, die den Laden gerade am Laufen halten. Alltagshelden! Werden wir nach dieser Krise mehr Achtung vor Ihnen haben und (ihnen) dankbarer sein? Und werden sie zukünftig (endlich) mehr verdienen?

Slowbalisierung: Dieses Wort las ich neulich in einem Zeitungsartikel gelesen- statt global, slowbal. Da kommt ein Virus von irgendwo zu uns, macht sich breit und plötzlich fehlen wichtige und absolut notwendige Schutzmasken, Kittel, Brillen,… . Leider geht es nicht nur uns schlecht, anderen noch viel schlechter und deswegen kommt nix bei uns an. Werden wir zukünftig wieder mehr in Deutschland produzieren? Weniger Material und Einzelteile quer durch die Welt transportieren? Mehr Reserven anlegen und Maßnahmen ergreifen? Mehr Made in Germany? Und würden wir alle dann auch, ohne zu Meckern, mehr dafür bezahlen?
Konsumwahnsinn: Ich befinde mich gerade in einer Shopping-Starre. Ich kaufe Lebensmittel ein, mehr nicht. In den letzten zwei, drei Wochen habe ich immer mal wieder gedacht, dass ich dieses oder jenes kaufen oder besorgen müßte. Dann fällt mir wieder ein, dass das ja gerade nicht geht und dann verschiebe ich meine Wünsche einfach. Muss jetzt nicht sein. Du hast noch genügend Söckchen, Papier, Washi Tape, Klamotten. Ich weiß, dass man das meiste auch online bestellen und kaufen kann. Das tue ich auch! Dann aber in kleineren Geschäfte unterstützen, wo ich normalerweise hingehen würde.
Wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Und dann werden wir plötzlich gezwungen zu Hause zu bleiben und fangen an in Schubladen und Schränken zu wühlen. Und wir finden dort Nippes und Zeug, aber auch Erinnerungsstücke. Dinge werden wertvoller, werden wieder zum Leben erweckt oder endgültig entsorgt. Was brauche ich eigentlich zum Leben und zum Glücklich-sein? Werden wir unser Konsumverhalten überdenken, vielleicht sogar ändern?

Home is where the heart is: Werden wir zukünftig unsere vier Wände mit anderen Augen sehen? Nicht nur als Schlafstätte und Futterplatz? Werden wir unser Nest, unser Dach über dem Kopf mehr lieben und wertschätzen? Einfach mal zu Hause bleiben, nicht immer draußen die Attraktion suchen?
Vielleicht erkennen wir aber auch, dass wir eigentlich lieber woanders leben möchten. Nicht super zentral mit U-Bahn vor der Türe, sondern lieber auf dem Land mit einem kleinen Garten. Oder uns wird jetzt bewusst, dass wir eigentlich schon immer lieber in die Stadt leben wollten? Vielleicht sind wir aber auch einfach nur mal zufrieden mit dem, was wir haben, statt dauernd dem neusten Instagram-Interior-Trend hinterher zu laufen.
Das schöne, das unechte Leben auf Social Media: Angeklebte Wimpern, Bikinifotos auf Bali, Designer Handtäschchen. Influencer haben es dieser Tage nicht leicht. Fotos einer scheinbar perfekten Welt, von der wir wissen, dass es sie nicht gibt, von der wir uns dennoch gerne blenden lassen, sind gerade nicht angebracht. Fast schon erbärmlich. Wobei es sie immer noch gibt. Neulich sah ich ein Bild einer jungen, hübschen Frau mit Designer Tasche, alleine durch den Park wandelnd. Untertitel: Alleine, isoliert, aber zufrieden mit mir selbst und meiner schönen neuen Tasche. Oder so ähnlich. Ich habe nur den Kopf geschüttelt. Eigentlich waren diese Bilder schon immer sinnlos. Menschen backen gerade Brot und entrümpeln ihren Keller, googlen nach sinnvollen Bewegungsspielen für 3-10-Jährige. Werden wir nach Corona endlich wieder normalen Menschen mit echtem Leben folgen und nicht mehr den gestylten Beauties, die uns ein Leben vorgaukeln, das es gar nicht gibt?
Klimaforschern, Meteorologen, Geologen – hören wir ihnen bald wieder mehr zu? Eine Zeit lang wurde auf sie gehört. Die Gen Z bäumte sich auf, wurde wahrgenommen, viel zitiert, war präsent. Dann kam diese andere Krise und man hört nix mehr von Klima und Umwelt. Ausser, dass Corona es geschafft hat, den Himmel über China wieder blau werden zu lassen und, dass das wenige Fliegen durch die Weltgeschichte, gut für die Umwelt ist. Dass unzählige Stewardessen und Piloten gerade in Kurzarbeit geschickt wurden, dass ist die andere Seite der Medaille. Aber mal ehrlich: werden wir den Klimaforschern bald mehr und besser zuhören? Werden wir unser Umweltbewusstsein endlich so richtig verändern?
Videotelefonie und Abteilungsleiter-Meeting im eigenen Wohnzimmer, flexible Arbeitszeiten: Einige meiner Freundinnen haben mir in den letzten Jahren immer mal wieder erzählt, dass sie durchaus von zu Hause aus arbeiten könnten, dass der Chef das aber nicht mag. Jetzt muss sich der Chef einer Maßnahme von oben beugen. Und, wie klappt das? Gut? Wollen wir das nicht so weitermachen? Menschen die Möglichkeit geben, flexibel und mobil zu arbeiten?
Und werden Geschäftsleute und Vielflieger zukünftig mehr über Videotelefonie sprechen und entscheiden? Werden wir merken, dass es auch anders geht, zeitsparender, umweltfreundlicher?
Und überhaupt – Telekommunikation: Sie funktioniert gerade als sozialer Ersatz. Oma und Opa werden angerufen, mal mit dem Festnetz, mal per Videotelefonie. Freundinnen treffen sich, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Tasse Kaffee. Videotelefonie ersetzt keine echten sozialen Kontakte, aber sie verbindet uns jetzt gerade, bringt uns zum Lachen. Verzicht bedeutet nicht gleich Verlust. Wir gehen gerade neue Wege und lernen dazu. Werden wir das beibehalten?
Und unsere Kinder? Werden sie zukünftig anders lernen? Selbstständig und digital und nicht nur im Klassenverband in der Schule?
Nicht nur Virologen, auch Politikern bekommen mehr Gehör: Ich habe noch nie so viele Pressemitteilungen (live) angeschaut, wie in den letzten Wochen und ich bin begeistert. Nicht von jedem, der da spricht, aber von einem Großteil. Politiker geben gerade den Ton an, sprechen Maßnahmen aus, übernehmen Verantwortung, handeln, sind präsent, hauen mal auf den Tisch und beruhigen uns dann wieder. Mittlerweile kennen sogar meine Kinder sämtliche Namen und wissen, wer welches Amt bekleidet. Wir reden über Politik, wir hören zu. Politik gewinnt eine neue Glaubwürdigkeit. Was nicht heißt, dass wir alles glauben sollten. Werden wir zukünftig wieder mehr hinhören? Uns mit dem Gesagten auseinandersetzen? Dafür sprechen, oder dagegen halten und unsere Stimme erheben, wenn wir die Chance dazu haben? Geht wählen! – das müßte man demnächst eigentlich nicht mehr groß promoten und bewerben, das sollte zukünftig einfach normal sein!

Was macht diese ungewöhnliche Zeit, diese Maßnahmen, diese Situation mit uns?
Werden wir zukünftig flexibler, mobiler, noch moderner leben oder werden Omas Werte und Omas Lebensstil mit Gemüsegarten und Vorratskammer wieder präsenter und beliebter sein? Oder werden wir beides spielend mit einander verbinden und verknüpfen?
Die Welt, wie wir sie kennen, sie löst sich gerade auf. Niemand kann sich dieser Situation und den damit verbundenen Maßnahmen entziehen. Weder mental, noch physisch und erst recht nicht emotional. Aber es wird weitergehen.
Wieviele bleiben auf der Strecke? Das ist eine wichtige Frage, mit der sich nicht nur die Politik zu befassen hat. Steuersenkung, Unternehmenskredite, Kurzarbeit,… Maßnahmen, die wir nicht in die Wege leiten können. Aber was kann jeder einzelne tun? Wer braucht Hilfe? Unterstützung? Vielleicht im Buchladen, um die Ecke, Bücher bestellen und abholen. Mittagessen im Restaurant telefonisch bestellen, liefern lassen oder abholen. Weiterhin beim Bäcker Brötchen kaufen. Gutscheine beim ortsansässigen Kino, Schwimmbad oder Sauna kaufen. Auf die Webseiten kleinere Lädchen schauen und nachlesen, ob man dort auch Bestellungen aufgeben kann. Im Blumenladen einfach anrufen und fragen, ob man einen Strauß bestellen und kontaktlos abholen kann. All das ist möglich!
Ich wünsche Euch einen schönen sonnigen Sonntag! Bleibt zu Hause, seid vernünftig, damit der Spuk bald ein Ende hat.
Liebe Grüße
Bine
