Ich freue mich immer, wenn ich mit einem Posting eine Diskussion anrege. Wenn Ihr meine Texte lest und mir dann Eure Meinung mitteilt! So geschehen bei meiner Frage, welche Serien Ihr empfehlen könnt (innerhalb meines 12 von 12 Postings) und vor zwei Tagen bei meinem Hanuta Dessert Posting. Da hatte ich nämlich von meiner Unlust zu Fotografieren und die daraus resultierende Unzufriedenheit über das schlechte Ergebnis erzählt.
Ich beschwere mich nicht. Ich hab’s gut, denn im Gegensatz zu manch anderer Bloggerin arbeite ich von zu Hause aus und kann in der Regel fotografieren, wenn Tageslicht zur Verfügung steht. Das heißt aber nicht automatisch, dass ich mit dem Ergebnis immer zufrieden bin. Dafür gibt es verschiedene Gründe:
* Ich habe keine Lust das zu fotografierende Objekt samt Requisiten aka Krempel aus der Küche oder aus meinem Kellerbüro ins Wohnzimmer vor die Terrassentür zu schleppen!
* Ich besitze gar nicht den benötigten Krempel (Schalen, Schüsseln, angelaufene Silberlöffel, Unmengen von Leinentüchern, Fotohintergründe, Fotountergründe,…), um das Bild spannend und lebendiger zu machen.
* Tageslicht ist da, aber die Fotos haben dennoch einen Gelb- oder Blaustich. Ich verstelle und drehe alle Rädchen an der Kamera und schaffe es dennoch nicht, das gewünschte Ergebnis zu erzielen, welches ich vor meinem inneren Auge sehe.
* Ich habe Rücken. Wenn ich auf allen Vieren auf dem Boden liege und versuche ein Motiv aus einem anderen Blickwinkel zu knipsen, fühle ich mich danach, als hätte ich eine Stunde Sport gemacht! Pfff!
* Ich sehe Fotos auf anderen Blogs und finde die grundsätzlich viiiiiel schöner, als meine eigenen. Das motiviert mich einerseits, mich zu verbessern und an meinen Bildern zu arbeiten. Andererseits gibt es aber auch den entgegengesetzten Effekt: ich bin gelähmt und denke, so bekommst Du das nie hin.

Gute Fotos, ansprechende, appetitanregende, verführerische Fotos finde ich fantastisch. Ich bewundere die Frau oder den Mann, der sie geschossen und bearbeitet hat. Bewundere die Art und Weise, wie diese Person es schafft, mich mit dem Bild anzusprechen. Das will ich auch! Ich gebe mir Mühe, versuche Bilder nachzustellen- nicht um sie nachzumachen, sondern um zu üben. Ich pinne Bilder, nicht weil mich das Rezept oder die DIY Idee interessiert, sondern weil mich die Bildkomposition begeistert.
Und dann sehe ich Bilder, die die Realität wieder geben. Bilder, die nicht perfekt sind, die vielleicht etwas zu dunkel, etwas unscharf sind. Bilder von Räumen, in denen kein weisses Sofa und kein stylischer Couchtisch zu sehen sind, sondern Eiche rustikal, Kinderspielzeug, herumfliegende Schuhe. Wo der Blick aus dem Fenster keinen 100 qm Garten mit altem Baumbestand zeigt, sondern das gegenüber liegende Mietshaus. Bilder, wo eine Küche zu sehen ist, in der ganz normale Oberschränke (mit Tupperschüsseln und zig zusammengewürfelten Werbetassen) hängen und keine Regale, auf denen hübsch drapiert schwarz-weisse Tässchen und Väschen und andere Nippeskram stehen.
Diese Bilder mag ich auch. Sehr sogar. Denn sie zaubern mir ein Lächeln auf die Lippen und ich denke: überall das gleiche! Da wohnt jemand, da lebt jemand, das ist Realität.
Also, was will ich nun? Das eine oder das andere? Was ich will ist beides. Durchgestylte Fotos, in die die Bloggerin eine Menge Arbeit gesteckt hat und mit denen sie eine Geschichte erzählen will. Bilder, die mich in eine andere Welt mitnehmen. Die mich inspirieren und anspornen. Ästhetische Bilder, aufgeräumte Bilder, stimmungsvolle Bilder!
Aber ich will auch Realität!
In letzter Zeit lese ich im Netz, dass man von zu schicken Fotos auf Instagram genervt ist. Dass doch gerade Instagram- diese App, die dazu einlädt spontan ein Bild hohzuladen und das Hier und Jetzt erzählen soll, zu professionell genutzt wird. Aus den o.g. Gründen kann ich das nur teilweise unterschreiben. Ich folge Insta-Menschen, die einen aufgeräumten, geradlinigen, gestylten Stream haben genauso gerne, wie Menschen, die einen Schnappschuss aus dem Leben zeigen. Da interessiert mich mehr der Mensch, den ich durch seinen Alltag begleite, als die Designer Tasse, aus der dieser Mensch einen Kaffee trinkt.

Wir erliegen einem Ästhetik Druck. Alles, was wir mit einem Knopfdruck der Welt zeigen, soll perfekt aussehen. Die Kaffeetasse neben der Zeitschrift, der Smoothie, in dem noch dekorativ ein grünes Blatt steckt, das aufgeschlagene Sonntagsei mit dem Designer-Salzstreuer.
Und was ist, wenn man ein Bild von einem offenem Backofen zeigt, der komplett mit Backofenspray eingesprüht ist? Wenn man das richtige Leben präsentiert? Dann bekommt man vielleicht nicht soooo viele Herzen, dafür aber einen Haufen Kommentare. Weil jede Frau, die einen Backofen besitzt, diesen auch mal putzen muss. Auch die Frau, die einen aufgeräumten Instagram Account führt! Ja, auch die muss mal ihren Bachofen putzen.
#fürmehrRealitätaufInstagram- ein Hashtag, den eine meiner Abonnenten mal unter eines meiner Bilder gesetzt hat. Ich musste lachen, nicken und dachte dann: wenn es jetzt schon einen Hashtag gibt, mit dem man die Realität verschlagwortet, gibt es dann auch einen Hashtag, der da heißt #dassiehtallesnursoausalsob oder #ichhabedasnurfürsFotogemacht?
Eines der meist angeklickten Postings auf diesem Blog ist das beste Waffelrezept ever, welches ich im November 2014 hier veröffentlichte. Es war Sonntagnachmittag, draussen schon dunkel und usselig. Ohne Deckenbeleuchtung hätten wir die Waffeln auf dem Tisch nicht sehen können. Also Licht an. Foto gemacht. Nicht gut geworden.
Ich habe noch versucht, mit Photoshop mehr aus den Bildern rauzukitzeln und sie dann veröffentlicht. Seitdem denke ich immer mal wieder: Wenn Du nochmal Waffeln backst, dann machste mal zwei anständige Bilder und lädst die ins Posting hoch. Was sollen denn die Leute denken?
Wisst Ihr was? Es ist mir schnurzpiepegal, was die Leute denken. Die Leute klicken nämlich auf das Posting, weil sie das beste Waffelrezept ever haben wollen. Wie Waffeln bei Tageslicht aussehen, das weiss jedes Kind. Das bleibt so. Basta!
Und doch verwerfe ich – gerade auf Instagram- ganz oft ein Bild, weil ich denke: Das ist zu dunkel. Das sieht nicht gut aus. Unser Eßzimmertisch ist nicht stylisch genug. Nä! Da sieht man ja im Hintergrund den Bücherstapel, der vom Boden bis zur Decke reicht! Eine Heizung! Ich kann doch keine Heizung zeigen!?! Ein Foto von meinem Schreibtisch? Um Himmels Willen- da muss ich aber erstmal 2- 8 Stunden aufräumen!
Ist das nicht bescheuert?
Mein neues Motto lautet also: Mut zur Lücke. Mach und zeig, was Dir gefällt. Gib Dir Mühe und bleibe am Ball, lass Dich durch andere motivieren und inspirieren, aber mach Dich nicht verrückt, wenn es nicht so hinhaut!
Morgen gibt es übrigens ein Rezept für karnevalistisch verzierte Amerikaner. Die Fotos dazu sind gestylt, bei bestem Tageslicht geknipst, hell und freundlich. Das finde ich zumindest. Und dann wird es auch wieder Fotos geben, die eben nicht perfekt sind.
Liebe Grüße, Bine
